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Wolfgang Schenkel (1936-2026)

In Trauer und Dankbarkeit geben die Mitarbeitenden des Vorhabens Strukturen und Transformationen des Wortschatzes der ägyptischen Sprache den Tod von Professor Wolfgang Schenkel bekannt, der zu den bedeutendsten Linguisten der ägyptischen Sprache und den Pionieren der computergestützten Philologie und Sprachwissenschaft gehört und der von 1994 bis 2003 als Projektleiter des Vorgänger-Vorhabens „Altägyptisches Wörterbuch“ gewirkt hat.

Wolfgang Schenkel kam am 16. Oktober 1936 in Ludwigshafen-Oggersheim zur Welt. Nach dem Abitur im altsprachlichen Zweig des Gymnasiums in Ludwigshafen nahm er 1956 in Heidelberg das Studium das Studium der Ägyptologie, Altorientalischen und Semitischen Philologie, Klassischen Archäologie and Allgemeinen Sprachwissenschaft auf. 1958 wechselte er nach Bonn, wo er 1961 nach einem Auslandstudienjahr in Paris bei Elmar Edel promoviert wurde. Wolfgang Schenkels Dissertationsschrift Frühmittelägyptische Studien, die 1962 erschien, zeigt ihn bereits in seiner ganzen Meisterschaft als Philologe und als subtilen Beobachter und scharfen Analytiker sprachlicher Varianten ägyptischer Texte an der Normengrenze zwischen unterschiedlichen sprachlichen Standards, – Texten, denen auch sein zweites Buch Memphis, Herakleopolis, Theben. Die epigraphischen Zeugnisse der 7. – 11. Dynastie Ägyptens (Ägyptologische Abhandlungen 12, Wiesbaden 1965) gewidmet war. Ein Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts ermöglichte Wolfgang Schenkel 1964/5 die altertumswissenschaftliche Grande tour von Griechenland über die Türkei nach Ägypten, dem Sudan und Äthiopien, bevor er sieben Jahre lang, von 1965 bis 1972, die Universität verließ, um als Projektleiter am Darmstädter Deutschen Rechenzentrum, einer in diesen Jahren in Europa führenden Einrichtung ihrer Art, zu arbeiten. Diese Jahre sollten sich als konstitutiv für den Ägyptologen Wolfgang Schenkels erweisen, der im Weiteren zu einem der Promethiden wurde, die in das dem 19. Jahrhundert verdankte Methodenrepertoire der Ägyptologie das Feuer der Informationstechnologie trugen. Diesen Methodentransfer vollzog Schenkel in seiner eigenen Forschung mit einem 1967 entwickelten System zur maschinellen Analyse altägyptischer Texte (M.A.A.T.) und in seiner in den 1970er Jahren begonnenen Arbeit an einer computerbasierten Konkordanz der ägyptischen Sargtexte. Nachdem Wolfgang Schenkel sich 1974 in Göttingen mit der Behandlung eines Grundproblems der historischen Linguistik des Ägyptischen, der Entstehung der altägyptischen Suffix-Konjugation, habilitiert hatte, wurde er 1978 auf den ägyptologischen Lehrstuhl der Eberhard-Karls-Universität nach Tübingen berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 2002 lehrte und forschte.

Nach der politischen Wende war Jan Assmann im Auftrag der Konferenz der Akademien als interimistischer Betreuer der Berliner Arbeitsgruppe am vormaligen Zentralinstitut für Alte Geschichte und Archäologie eingesprungen und hatte als Vorsitzender des Gutachter-Ausschusses den Weg für den Fortbestand ägyptologischer Forschung an der neu begründeten BBAW geebnet. Der letzte, entscheidende Schritt zur Konsolidierung erfolgte 1994, als mit der Übertragung der Projektleitung an den seiner fachlichen Statur nach wie kein anderer dafür prädestinierten Wolfgang Schenkel die Weichen für den andauernden Erfolg des Vorhabens gestellt wurden.

Die Ära Schenkel war grundlegend für die frühzeitige und vollständige Digitalisierung der Vorhabensarbeit und für die entschiedene Ausrichtung auf den Aufbau eines lemmatisierten und morphologisch annotierten Volltextcorpus des Ägyptischen als primäres Ziel. Mit Wolfgang Schenkels Idee der Digitalisierung und Indexierung der 1.5 Millionen Belegzettel des alten Berliner Wörterbuchprojektes wurde 1995/6 ein Internet-Auftritt des Vorhabens ins Auge gefasst und 1999 realisiert, noch vor dem Release der ersten Online-Version des digitalen Volltextcorpus Thesaurus Linguae Aegyptiae im Jahr 2004.

Nachdem Wolfgang Schenkel 2003 die Leitung des Projektes an Stephan Seidlmayer abgegeben hatte, stellte er sich noch bis 2007 als Vorsitzender beider wissenschaftlicher Beiräte des Vorhabens an der BBAW und an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, deren Korrespondierendes Mitglied er seit 1999 war, in den Dienst der Arbeit am Volltextcorpus der ägyptischen Sprache. Auch im Weiteren ist er dem Vorhaben eng verbunden geblieben. Zur Feier seines 80. Geburtstags wurde 2016 vom Vorhaben zusammen mit den Universitäten in Berlin das internationale Symposium Die klassisch-ägyptische Sprache im Schnittpunkt von Philologie und Linguistik ausgerichtet. In den letzten Jahren wurde intensiv daran gearbeitet, die von Wolfgang Schenkel erarbeiteten digitalen Textdaten der ägyptischen Sargtexte in das Texterfassungssystem des Vorhabens zu integrieren. Ihr bevorstehender Launch im Thesaurus Linguae Aegyptiae wird als der größte Einzelzuwachs an Textmasse in die Annalen des Vorhabens eingehen.

Wolfgang Schenkel arbeitete bis kurz vor seinem Tod. Es starb in seinem 90. Lebensjahr, dessen Vollendung am 16. Oktober 2026 wir mit ihm zusammen zu feiern gehofft hatten, nun aber im Gedenken an ihn begehen werden.

Berlin, März 2026